Schlendrian am Schlern.

Muss auch mal sein. Einfach weg. Das Hirn durchpusten, das Herz duchlüften und die Seele aufbetten. Das innere Gedachs ausgeizen wenn man so will, damit neue Triebe Früchte tragen. Hoffentlich halt. Wir wollen’s zumindest probieren, der Flo und ich. Auch wenn mir das Aussteigen aus dem Alltag nicht auf Anhieb mit dem Einsteigen ins Auto gelingen mag. Es ist zuviel los in letzter Zeit, nichts als Schwierigkeiten und Hürden, es ist kein Drübersehen über die Belastungsberge. Also ab in die Berge, jodelt der Flo, vielleicht kann man ja, wenn man mal oben ist am Berg, runterspucken auf die Sorgenberge innen drin. Einen Versuch ist es wert. Das Tal der Wahl ist das Eisacktal und durch das fahren wir, bis wir die Alm, die den nötigen Auftrieb verspricht, schlussendlich erreichen. Seiser Alm. Ein trockener Titel für eine zum Träumen schöne Spielwiese, ausgelegt mit samtig-grünen Matten und eingekreist von Gipfeln, wie sie Kinder gerne zeichnen. Spitz und kantig und schroff.

Nach langem kurble ich wieder bergauf und irgendwie vergesse ich darauf, dass die Arme brennen, der Ausblick ist einfach zu schön. Ich möchte alles genauso fotografieren, wie ich es sehe, aber die zur Verfügung stehenden Kameras liefern nur einen Abklatsch.

Flo nimmt tags darauf am Seiser Alm Halbmarathon teil. Nachdem ich ihn erfolgreich über die Startlinie gejagt habe, überkommt mich zum ersten Mal an diesem Tag eine lang nicht mehr verspürte Wehmut. Den Läufern nachzusehen, die in einem sanft wogenden Feld zum Almauftrieb durchstarten, versetzt mir einen Stich, der mich kalt erwischt. Fast gebe ich dem Drang nach, mich ins Hotelzimmer zu flüchten und die Rollo auszuprobieren, aber angesichts der Kulisse erscheint mir Schluchzen im Schwarzen nicht als probates Schmerzmittel erster Wahl. Ewig schad. Dann lieber der Meute hinterher. Also greife ich beherzt in die Treibreifen und ziehe almauf, mein Häufchen Elend gebe ich vorher noch in der Franziskus-Kirche ab. Ein bisschen Sightseeing und Seelestreicheln muss auch sein.

Während ich bergan rolle, scheint mir das Jammertal noch ins Gesicht gegraben, denn ich hab alle Mühe, die zahlreichen Hilfsangebote der Mitwandernden abzuwehren. In mehreren Sprachen will man sich beherzt zwischen mich und den Berg werfen, fast werde ich bockig. Normal bin ich nicht so, aber ich will einfach nur fahren. Es will mir nur niemand glauben, dass ich das gern und freiwillig mache. Jedenfalls, nach zwei Kilometern treffe ich zufällig wieder auf Flo. Der hat da schon ein paar  Kilometer mehr in den Beinen und wirkt trotzdem hocherfreut. Ich glaube, er ist mehr panoramaberauscht als bis hierhin gelaufen. Ich hefte mich ihm auf die Fersen und nach einer Rechtsabzweigung muss ich aufgeben. Die Straße ist zum Wanderweg geworden und für mich gibt es kein Weiterkommen mehr. Ein zweites mal kann ich den Läufern nur mehr nachsehen und der Stich, der mich dort am km10 Schild trifft, ist umso härter. Ich weine Rotz und Wasser, beweine meine kaputten Beine, heule gegen den verhassten Rollstuhl an, in dem ich nie landen wollte. Nie, nie, nie. Ich würde so gern mitlaufen. Ich würde so gern meinen ganzen Körper spüren, jede Faser, würde gern spüren, wie meine Lunge vom Laufen schmerzt, wünschte, ich könnte ein echtes Brennen in meinen Beinen spüren und nicht dieses Fake-Brennen, das mir den Tag vergällt und den Atem raubt und das mir doch nur mein kaputtes Rückenmark und mein Hirn vorgaukeln. Ich kann nicht mehr. Kann meine Tränen auch nicht verstecken. Ist mir doch egal. Das nächste Hilfsangebot lässt nicht lange auf sich warten, kein Wunder, ich sehe wohl genauso elend aus, wie ich mich fühle. Ich kann nur abwinken und fahre einfach davon.

Zurück im Startbereich geht es wieder. Meine Augen sind leergeweint und auch mein Kopf fühlt sich so an. Leer. Aber gut. Das Denken hänge ich vorübergehend an die Absperrung und warte einfach nur mehr hirnlos auf meinen Mann. Als er endlich kommt, freue ich mich aufrichtig und auch er ist eindruckssatt und fertiggelaufen und das macht aus uns einfach zwei zufriedene Menschen, beide froh, dass etwas vorüber ist.

Am Nachmittag belohnen wir uns mit einer Massage. Flo bekommt einen sehr italienisch aussehenden Frauenversteher und ich bleibe in den Händen eines sehr robust aussehenden Knochenbrechers zurück, der in den nächsten 50 Minuten jede Faser und jedes Knöchelchen in mir neu arrangiert. In das Rund des Gesichtsfensters gepresst, erwarte ich demütig meinen Tod und bemühe mich, nicht zu schreien. Am Ende bin ich doch nicht tot und der Knochenbrecher deckt mich zu und herrscht mich an „Now dschasstä rrrelaxä! Two minut!“ Ich wage nicht zu blinzeln und zu widersprechen noch weniger. Meine Freude, als der frauenversteherverwöhnte Flo zu meiner Rettung hereintänzelt, ist unbeschreiblich. Ich bin mit einem Mal richtig froh, im Rollstuhl zu sitzen.

Zurück im Zimmer zähle ich die Kratzer auf meiner Haut und bin – einmal mehr –  doch nur für eines dankbar: noch am Leben zu sein.

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4 Antworten auf „Schlendrian am Schlern.“

  1. hallo gudrun…
    auch wenn deine worte mittendrin in deinen erzählungen echt tief ins ❤️ gehn, und ich versucht war drüber nachzudenken dir in irgendeiner weise da dringend raushelfen zu wollen………..am schluß hat das auslüften und den ganzen mist mal rauszuplärrn scheinbar doch was gutes ghabt – die neuerliche erkenntnis 😊 DU LEBST und das ist wunderbar…zwar nicht immer unbeschwert…aber wer tut das schon 🤔 ganz liebe grüße aus’m lovntol




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    1. Liebe Gudrun , auch wenn es nicht immer leicht ist ,das alle zu ertragen, ist es gut dir alles von der Seele zu heulen und darüber zu schreiben. Und trotzdem zu sehen wie schön das Leben ist !!!!! Du wirst geliebt und gebraucht und bist nicht alleine !!!! Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft und viel schöne Momente !!!!! Glg Angelika




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    2. Meine Liebe, mir kommt es vor als haett ich keinen Kontakt zur Aussenwelt…es ist so anders hier… ich denke so oft an dich, immer wieder schleichst du dich auch in meine Traeume…Emma erzaehlte gestern von Peter und Bina… und ich nutze jetzt die Chance von dir zu lesen… wenigstens kurz…ich wuenschte ich koennte dich druecken…so fest wie am Mt.Ulle im April… fuehl dich umarmt, ganz innig… Kathrin




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  2. Liebe Gudrun,
    in gewohnter Manier – zu Herzen gehend – sprachlos machend – mitfiebern – manchmal lachend – dabeisein – stark – das alles und viel mehr löst dein Text aus!
    Der Schlern und die Seiser Alm gehören zu meinen Lieblingsorten und sind mit sehr vielen Erinnerungen verbunden.
    Den ersten Impuls, dir weiterhin Kraft zu wünschen, unterlasse ich. Heulen und mit dem Schicksal hadern muss sein und hilft!
    Liebe Grüße Lieselotte




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