Schlimmeres. Weit Schlimmeres.

„Mutti, kannst du den Veissraluss zumachen?“ Peters Buchstabenverwurschtelungen sind manchmal zum Anbeißen süß. Oder diese unbarmherzige Ehrlichkeit. Letztens im Kindergarten erzählt er mir im Beisein seiner Pädagoginnen stolz, dass er heute „ins Klo gesissen“ hat. Am nächsten Tag rügt mich das selbe Kind, dass man „Seisse nicht sagen darf“. Na, von irgendwem muss er es ja haben!

Anhand der geringen Frequenz meiner Beiträge, vielleicht auch an der Tonart in letzter Zeit oder eben daran, dass Peter von seiner gestressten Mama ungebührliche Ausdrücke lernt, spürt der eine oder andere von euch bestimmt, dass bei uns in den vergangenen Monaten so manches nicht nach Plan gelaufen ist, man könnte fast sagen „Seisse“…

Um ehrlich zu sein,  war das vergangene halbe Jahr im Großen und Ganzen für mich belastender, kräfteraubender und nervenzehrender als das gesamte letzte Dreivierteljahr 2016. So viel ist uns widerfahren, das uns völlig kalt erwischt hat und nicht kontrollierbar war, das uns Angst machte und wir nicht wirklich beeinflussen konnten, das wir – und ich im wörtlichen Sinne – aussitzen und einfach ertragen mussten. Mit stetig schwindender Kraft. Alles, was nach dem Unfall kam, hatte ICH in der Hand. In beiden Händen und Armen. ICH konnte entscheiden zwischen Aufgabe und Depression oder Aufstehen und Kämpfen. ICH konnte an meiner Kraft arbeiten, ICH konnte meine eigene Angst hintanstellen und meinen Lieben die Angst lindern, ich allein konnte meine Genesung vorantreiben, konnte unsägliches Unheil in neu gelebtes Leben umwandeln. Ein schwieriges Leben, ja, aber das soll meine Sorge sein. Es lag und liegt alles an mir. Solange es meiner Familie nur wieder gut geht, ist mir alles recht. Auch ein Rollstuhl. Denn ich hab da was gutzumachen.

Heuer war das etwas anders. Meiner Familie ging es nicht gut und ich konnte nichts dagegen tun. Konnte nur abwarten und hoffen. Etwas bewirken oder helfen, wenn ich es denn konnte, war mir so gut wie gar nicht möglich. Alles blieb an Flo hängen, er hat ein Gebirge gestemmt im letzten Halbjahr und mich immer mitgetragen, wenn ich nicht mehr konnte. Aber diesmal hat sich die Angst wie eine durchsichtige Decke über uns alle gebreitet. Und das hinzunehmen, war für mich der größte Kraftakt.

Nun, scheint es, haben wir es geschafft. Nun ist es gut. Die Angst ist nach unbekannt verzogen und dort darf sie bleiben. Natürlich ist es noch nicht ganz gut, denn jetzt haben wir das Kind erst zu schaukeln. Unser Haus will gebaut werden. Es muss gebaut werden, denn in Gedanken wohnen wir schon längst darin. In Gedanken haben wir schon die Wände in den Kinderzimmern gemalt. Lillis Zimmer ist ein samtiges Waldgrün, Leo lebt im dunkelblauen Weltall und Peter schwimmt im lilablauen Meer. Und alle schauen wir in einen offenen, hölzernen First. Und ich hab Platz! Endlich rolle ich kollisionsfrei durch wenige Möbel mit den richtigen, barrierefreien Abständen, endlich hab ich wieder einen Platz in der Küche, endlich sehe ich meine Maschinen wieder, und ja! Endlich darf ich wieder an die Waschmaschine! Ach ja… man wird ja noch träumen dürfen.

Im Grunde aber graut mir vor den nächsten Monaten. Wie alle angehenden Häuselbauer haben wir natürlich jede Menge Häuselbau-Absolventen ausgefragt und alle haben sie vor ihren Antworten diesen Blick drauf, der fragt „Bist du bereit, in eine wirklich, wirklich dunkle Welt hinaubzusteigen?…“ Ja, bin ich. Sind wir. Den Nudelsuppen-Freischwimmer haben wir schließlich schon in der Tasche. Wir trauen uns ins große Becken. Und dann kriegt man sie, all die nie erfragten Antworten über unzuverlässige Handwerker, schiefe Winkel und gerade Kurven, über Kostenexplosionen und Nervenimplosionen. Man hat ja schließlich gefragt. Also sind wir gewappnet und gehen voller Misstrauen in die nächste Zeit. Wird schon schiefgehen. Kommenden Montag geht es los. Diesmal wirklich.

Und völlig gleichgültig, welche großen und kleinen Katastrophen da noch auf uns zukommen, ich hab eine Gewissheit in der Tasche: ich hab schon  Schlimmeres überstanden. Weit Schlimmeres.

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2 Antworten auf „Schlimmeres. Weit Schlimmeres.“

  1. „Endlich darf ich wieder an die Waschmaschine“ ist ja ein gutes Zeichen, dass Du die Realität auch jetzt mit einem kleinen Augenzwinkern betrachtest. Außerdem hast Du damit vielen Frauen etwas voraus! Ist ja auch was, oder? Beim Hausbauen (eigene Erfahrung) darf man sich wohl darauf verlassen, dass alles schief geht, ABER es geht auch ALLES GUT und die Freude, die man davor hat, hat man zurecht. Handwerker und ihre Chefs sind wohl unverlässlich, schlampig, schiefwinklig und haben auch keinen Respekt vor ihren Artgenossen, aber sie sind auch lustig, neugierig, schräg und menschlich. Bei allen Hoppalas darf man sich drauf verlassen, den anderen Hausbauern geht’s auch so, und trotzdem ist zum Schluss ein geniales kreatives Werk vollendet. Ich wünsch Euch einfach die guten Seiten des Hausbauens!!!




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